„BACHMANN (1975) berichtet beispielsweise, dass Kinder regelmäßig Tiere nannten, wenn sie gefragt wurden, zu wem sie mit ihren Sorgen gehen. Ganz offensichtlich geben Tiere in erster Linie emotionale Unterstützung. Und sie tun dies bedingungsloser als Menschen. Während Menschen selbst mit der besten pädagogischen Intention doch oft zuerst einmal analysieren (d.h. "auseinander-legen"), was beispielsweise zum Misserfolg ihres Kindes in der Schule beigetragen haben mag, während sie mit klugen Erklärungen und guten Ratschlägen nicht sparen und eine Reihe von rationalen Gründen nennen, die ihrer Meinung nach das Problem des Kindes verursacht habe, sind Tiere dem Kind ganz einfach nahe. Menschen weniger - sie gehen in den "abgetrennteren" Bereich der kognitiven Analyse.

Tiere bleiben ohne Bedingungen beim Erleben des Kindes, ohne jede Rücksichtnahme darauf, ob es nach kulturellen Maßstäben gut oder schlecht gehandelt hat. Tiere geben Empathie - und das ungestört von kognitiven oder kulturellen Wertungen. Ein beeindruckendes Beispiel für direkte und zugleich auf Menschen ausgeweitete soziale Unterstützung schildert CLAUS (1998): Ein Junge mit einem durch einen Unfall stark verunstalteten Gesicht wagte sich im Krankenhaus nicht mehr unter die anderen Kinder. Er fand sein Gesicht so erschreckend, dass er sich mehr und mehr isolierte. Zu diesem Jungen kam ein Hund, und die beiden spielten nicht nur miteinander, der Junge brachte dem Hund auch einige Kunststücke bei. Und unversehens waren Kind und Hund schon nach kurzer Zeit auf dem Flur des Krankenhauses, nicht nur miteinander, auch mit den anderen Kindern, um vorzuführen, was der Hund konnte!

Und das Gesicht des Jungen wurde einfach akzeptiert. Eine ganz schlichte Tatsache muss im Kontext der sozialen Unterstützung noch erwähnt werden: Heimtiere sind dauernd nahe - auch das ist eine Facette der Verbundenheit. Sie haben selten etwas wichtigeres zu tun, sie müssen nicht zur Arbeit, haben keine bedeutsamen Verabredungen wahrzunehmen.

Der Hund ist zu jeder Zeit bereit, mit einem Kind etwas zu unternehmen. Wie die meisten Heimtiere hat er nicht nur keine der wichtigen Aufgaben der Zivilisation auszuüben, er hat auch kaum einmal Launen, selten Stimmungsschwankungen. Er ist in einem sehr fundamentalen Sinne "vertraut berechenbar". Auch das gibt einem Kind Sicherheit im Zusammenleben.

(vgl. Erhard Olbricht, http://www.tiergestuetzte-therapie.de/texte/referate/olbrich/olbrich1.htm)

Die Canepädagogik beschreibt ähnlich wie die Tiergestützte Therapie (siehe Abschnitt zuvor) den Hund als sozialen Katalysator. Beide Theorien gehen davon aus, dass der Mensch mit dem Tier positive Emotionen verbindet. Das mag bei der Tiergestützten Therapie möglich sein, da sich diese mit Tieren im Allgemeinen beschäftigt und Tiere, welche bei einem bestimmten Menschen Angst erzeugen durch Tiere die bei diesem Menschen positive Gefühle erwecken ausgetauscht werden können. Die Canepädagogik hingegen beschäftigt sich „nur“ mit dem Hund. Sie geht davon aus, dass Kinder durch ihre positiven Erfahrungen (Tiere als Kuscheltiere usw.) im frühkindlichen Alter, auch eine positive oder zumindest neutrale Einstellung zum Hund haben. In einer Großstadt wie Berlin ist das aber zu bezweifeln. Hunde können dort kaum noch artgerecht gehalten werden und zeigen somit immer häufiger Stresssymptome und erzeugen dadurch Angst bei Kindern. Die hundgestützte offene Jugendarbeit hingegen geht davon aus, dass es sowohl Kinder mit positiven, als auch negativen Erfahrungen gibt. Hier ist eben das Einfühlungsvermögen des Sozialpädagogen gefragt, in wie weit er bei Kindern mit negativ Erfahrungen überhaupt den Hund einsetzen kann, oder ob er sich für ein anderes Medium entscheiden soll.

Gehen wir jedoch davon aus das ein Kind eine neutrale oder positive Einstellung zum Hund hat, dann können wir folgendes Beispiel aus der Canepädagogik anwenden:

„Der Hund "entlässt" den Canepädagogen aus der unvorteilhaften Rolle des Erziehers und macht ihn zum Hundefreund, zum Hundebesitzer, der es Kindern ermöglicht, in ihrer Freizeit mit Hunden spielen zu können.

Dem Hund kann es möglich sein, aus einer gestörten menschlichen Zweierbeziehung (A) langsam ein funktionierendes und interaktives Dreiecksverhältnis (B) herzustellen.



Abb. 1: Hunde als Vermittler

Greiffenhagen (169) schildert in diesem Zusammenhang einen Praxisfall des amerikanischen Psychologen und Kindertherapeuten Boris Levinson, der als Beispiel dafür dienen soll, dass über das Tier eine Verbindung von Mensch zu Mensch entstehen kann.

"Zunächst spielte das Kind einige Sitzungen lang mit dem Hund. Allmählich übertrug der Junge seine Zuneigung zu dem Hund auf dessen Herrn und ließ Levinson mitspielen. Nach und nach gewann Levinson immer mehr Einfluss auf den Jungen, und schließlich wurde das Kind, das sich zuvor so vielen anderen Behandlungsversuchen widersetzt hatte, für konventionelle therapeutische Maßnahmen zugänglich."

Levinson bezeichnet die Hunde deshalb als "soziale Katalysatoren", die den sozialen Kontakt zu einem immer größer werdenden Kreis von Menschen ermöglichen (vgl. OLBRICH c, 9). Hunde sind also nicht als Ersatz für Pädagogen oder Therapeuten zu sehen, sondern sollen die Arbeit erleichtern. Man kann sie vielmehr als Assistenten verstehen, die mit dem menschlichen Erzieher kooperieren, ihm seine Arbeit ermöglichen.

Während Pädagogen Bestandteil der ausgrenzenden und stigmatisierenden Gesellschaft sind und deshalb abgelehnt werden, kann der Hund als natürlicher Bestandteil der kindlichen Lebenswelt Türen öffnen“.

(Canepädagogik - Hilfe zur Erziehung mit dem und durch den Hund ISBN 978-3-8442-0708-8)

Die hundgestützte offene Jugendarbeit geht davon aus, dass der Hund nicht nur wie oben erwähnt als sozialer Katalysator vom Sozialarbeiter angesehen wird, sondern das auch dem Kind bzw. Jugendlichen gelehrt wird welche Bedürfnisse der Hund hat und in welcher Form wir diese respektieren müssen. Der Hund soll und kann nicht nur das „Kuscheltier“ sein. Der Hund ist und bleibt ein Lebewesen welches wir als solches verstehen müssen und in der vorliegenden Konzeption immer bedenken müssen.

In den letzten beiden Abschnitten wird deutlich, wie sehr sich die Canepädagogik auf das Medium Hund in ihrer Arbeit verlässt. An dieser Stelle unterscheidet sich die Canepädagogik von der hundgestützten offenen Jugendarbeit. Die hundgestützte offene Jugendarbeit setzt zwar den Hund als ein Medium ein, aber es ist und bleibt nur ein Medium von vielen anderen, bzw. wird die hundgestützte offene Jugendarbeit nur als ein kleiner Teil der Arbeit innerhalb der offenen Jugendfreizeitarbeit angesehen. Sie kann die Arbeit zwischen Kindern und Jugendlichen auf der einen und dem Sozialpädagogen auf der anderen Seite erleichtern und beim Kind und/oder Jugendlichen erwähnten Erfolge erzielen. Die hundgestützte offene Jugendarbeit geht aber nicht davon aus, dass nur durch einen Hund mit diesen Menschenl gearbeitet werden kann. Die hundgestützte offene Jugendarbeit versteht sich als eine Möglichkeit mit der o. g. Zielgruppe leichter in Kontakt zutreten. Sie kann den Prozess des ersten Kontaktes mit Kindern und Jugendlichen erleichtern bzw. gestaltet sich dieser Prozess als nicht so arbeitsintensiv, als ohne Hund. Mittel- und langfristig kann die hundgestützte offene Jugendarbeit die im nächsten Abschnitt beschriebenen Prozesse erleichtern.