Aus meinen eigenen Erfahrungen her könnte ich an dieser Stelle sehr viel aus meinen Erlebnissen berichten. Aus zwei Gründen berufe ich mich jedoch vorwiegend auf zwei etwas längere Zitate, denn erstens möchte ich hier ein Konzept vorstellen und nicht ein Buch über meine bisher geleistete hundgestützte offene Jugendarbeit schreiben und zweitens möchten ich meine Arbeit als wissenschaftlich belegt verstehen.

Vermittlung von Verhaltensregeln

“Ein häufiges Problem ist, dass verhaltensauffällige Kinder die Normen und Werte der Gesellschaft und die daraus abgeleiteten Verhaltensregeln nicht anerkennen. Dies liegt zum einen darin begründet, dass sie, als gesellschaftliche Außenseiter oder Versager etikettiert, sich von diesen Normen nicht (mehr) angesprochen fühlen.

Darüber hinaus können sie den Sinn und Zweck der Verhaltensregeln oft nicht verstehen (vgl. KöRNER, 206). Ordnung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind häufig nur "preußische Sekundärtugenden" (GREIFFENHAGEN, 80), von denen sich Kinder nur eingeschränkt fühlen, ohne zu erkennen, wofür sie im menschlichen Zusammenleben wichtig sind. Der Hund ermöglicht es den Kindern, diese Verhaltensregeln mit Inhalt zu füllen. "In der Beziehung zum Tiere ... erhalten diese Tugenden einen erkennbaren Sinn: Viele Tiere fordern und belohnen Zuverlässigkeit, Ordentlichkeit und Pünktlichkeit." (KöRNER, 206)

Pünktliches Füttern wird vom Hund durch eindeutiges Verhalten (z.B. Unruhe/Betteln) eingefordert und durch überschwängliche Freude quittiert. So wird das Kind für sein Verhalten positiv verstärkt und erfährt, welche Bedeutung Pünktlichkeit hat. Ihr Sinn wird durch das Verhalten des Hundes transparent und muss nicht durch Vorhaltungen oder Forderungen der Erwachsenen mühsam - meist erfolglos - vermittelt werden.

"Für ein Kind ... ist es leichter, soziale Tugenden dann zu erlernen, wenn sie nicht nur als abstrakte Forderung einer Autorität auftreten, sondern wenn sie sich im Umgang mit Tieren als praktisch und nützlich erweisen." (KöRNER, 207)

Verantwortung, Toleranz, insbesondere eine Erhöhung der Frustrationstoleranz sind Ziele in der Erziehung Verhaltensauffälliger. Verbale Erklärungen, Ermahnungen oder Sanktionen sind in der Praxis nur begrenzt erfolgreich…

"Die Erfahrungen, die ein Kind im Verlauf der Erziehung seines Tieres macht, lehren es aber auch, die Eigenarten des Tieres zu akzeptieren. Dies wiederum kann zu erhöhter Toleranz, auch gegenüber seinen Schwächen, führen." (BERGLER 1986, 67)

Hunden etwas beizubringen, erfordert viel Ruhe, Geduld und Einfühlungsvermögen. Selten sind das die Fähigkeiten mit denen man verhaltensauffällige Kinder beschreiben würde. Was sie dazu befähigt, diese Verhalten dennoch aufzubringen, sich immer wieder im Umgang mit den Hunden zusammenzureißen, ist die Zuneigung und Liebe, die sie ihnen entgegenbringen können.

Aus der sozialen Interaktion mit dem Hund, lernen sie Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. "Kinder müssen erfahren, dass sie selbst die Ursache für Erfolg und manchmal auch Misserfolg sind; nur auf diese Art und Weise entwickeln sie auch ein Gefühl für Selbstverantwortlichkeit." (BERGLER 1994, 37) Olbrich (b, 7) stellt in diesem Zusammenhang fest, dass Kinder dann am meisten lernen, wenn sie selber ein anderes Kind oder ein Tier belehren.“

(Canepädagogik - Hilfe zur Erziehung mit dem und durch den Hund ISBN 978-3-8442-0708-8)

Hunde als bessere Erzieher?

Wie schon Eingangs erwähnt, ist die hundgestützte offene Jugendarbeit für die Freizeiteinrichtung Holzwurmhaus keine vollkommen neue Methode. Im Gegenteil, seit ca. 10 Jahren haben ich durch meine Methode vielfälltige Erfahrungen sammeln können. Nur einige kleine Beispiele möchte ich hier erwähnen, da ich sonst den Rahmen der Konzeption sprengen würde. Wie sie bemerken werden, habe ich die Beispiele nicht bewertet. Ich glaube, dass dieses jeder für sich selber tun kann, bzw. möchte ich hiermit zum Nachdenken anregen, bevor ich an Hand von Zitaten, wissenschaftlich in das Thema einsteigen werden.

Beispiel a)

Meine Mitarbeiterin und ich verspäten sich, da mal wieder eine Sitzung länger als geplant dauerte. Wir öffnen den Club und der erste Besucher tritt ein. Wir sind zu diesem Zeitpunkt noch mit der Nachbereitung der Sitzung (ca. 15 min Arbeit am PC) beschäftigt. Mehr als ein flüchtiges Hallo können wir dem Besucher nicht bieten. Im Gegensatz dazu, Zumbie, mein Besuchshund. Schwanzwedelnd und voller Freude begrüßt er den Besucher, anschließend fordert er den Jungen zum Spiel auf und beide gehen vor die Tür um miteinander zu spielen.


Beispiel b)

Ein Mädchen, welches mir nicht bekannt ist betritt den Jugendclub. Sie setzt sich stumm auf die Couch. Nach einiger Zeit kommt Zumbie zu ihr und legt sich neben das Mädchen. Kurze Zeit später fängt sie an den Hund zu streicheln und ich höre wie sie leise zu ihm sagt:“ So gut möchte ich es auch mal haben und von jemand gestreichelt werden.“ Hätte sie sich einem Sozialarbeiter nach so kurzer Zeit auch soweit geöffnet?


Beispiel c)

3 Mädchen im Alter von ca. 12 Jahren stehen vor dem Club. Ich gehe zu ihnen, rede mit ihnen und lade sie in den Club ein. Sie lehnen jedoch ab und gehen weiter. Ca. eine Woche später stehen sie wieder vor der Tür. Ich gehe mit Zumbie zu ihnen. Sie haben Angst vor dem großen Hund. Ich fange, ohne ein Wort zu ihnen zu sagen, mit Zumbie an zu spielen. Sie soll mir einen Stock, den ich weg von den Kindern werfe zurückbringen. Nach einiger Zeit legt sie den Stock vor die Füße der Kinder. Diese wissen nun was zu tun ist und überwinden ihre Angst und fangen an mit Zumbie zu spielen. Nach einigen Minuten sage ich zu ihnen, dass dieses Spielen den Hund sehr anstrengt, er bestimmt durstig ist und sie ihm bitte etwas Wasser geben sollen. Ich gebe ihnen eine Schüssel und bitte sie in den Club zu gehen und die Schüssel mit Wasser zu füllen. Sie tun dies und Zumbie läuft ihnen nach. Im Club geben sie ihr Wasser und kommen dadurch mit anderen Kinder in Kontakt. Seither besuchen sie den Club regelmäßig.

Beispiel d)

(Sozialarbeiter und Besuchshund aus einer anderen Einrichtung)

Ein massiv verhaltensauffälliger Jugendlicher mit dramatischen Gewalterfahrungen in Familie, sozialem Umfeld und Schule, kommt immer mal wieder unverbindlich in die Einrichtung, verweigert sich aber konsequent den Betreuern und Regeln, lehnt Gespräche und Zuwendung ab, will seine Ruhe.

Er beschäftigt sich aber mit Piefke, dem Besuchshund vom Pro Fi Haus, der ihm immer wieder den Ball vor die Füße legt und zum spielen auffordert. Ich komme mit ihm über den Umstand ins Gespräch, dass ich ihm die relevanten Grundbefehle für den Umgang mit Piefke nahe bringe (Sitz, Platz, Aus, Bleib, etc.). er ist spürbar stolz, dass der Hund nach meiner kurzen Einweisung auf ihn hört.

Am nächsten Tag bringt er Fotos seines verstorbenen Hundes und zwei seiner Freunde mit. Er zeigt ihnen, wie Piefke auf ihn hört – und zeigt mir das Gefühl von Dankbarkeit, weil ich ihm etwas gezeigt habe, was er anwenden kann.


Beispiel e)

(Sozialarbeiter und Besuchshund aus einer anderen Einrichtung)

Ein 12-jähriges Mädchen darf offiziell nicht in den Club, weil die Mutter Angst vor Hunden hat – und diese Angst auch teilweise auf das Kind übertragen hat. Die Tochter erzählt zu Hause von ihren guten Erfahrungen mit Piefke und überredet die Mutter, mal vorbei zu schauen. Sie wird von mir in den Umgang mit Piefke eingewiesen. Bereits nach 20 Minuten spielen Tochter und Mutter sehr ausgelassen mit dem Hund. Mutter bedankt sich bei mir, weil – wie sie dann selber sagte – es eigentlich keine Angst, sondern schlechte Erfahrungen im Umgang mit Hunden waren.


Beispiel f)

(Sozialarbeiter und Besuchshund aus einer anderen Einrichtung)

Ein Mädchen aus einer Band, die den Club eigentlich nur zum Musik machen und proben besucht, hat panische Angst selbst vor kleinen Hunden. Sie wurde als Kind gebissen. Nach einigen Wochen zaghaften, aber konsequenten Kontakten, ist das Eis langsam gebrochen; bei jedem Besuch gibt es ein wenig mehr Annäherung und sie ist darauf auch wirklich stolz. Piefke macht es ihr mit seiner zurückhaltenden Art leicht, selbst zu bestimmen, welche Intensität die Beziehung haben soll.

Durch die permanente Präsenz im Hintergrund wurde die Ängste langsam aufgeweicht. Letzten Endes kommt sie jetzt immer etwas früher, um noch vor der Probe etwas Zeit mit Piefke zu verbringen. Sie hat ihm sogar ein eigenes Spielzeug mitgebracht – nur für sich und ihn!


„I. Hunde begegnen verhaltensauffälligen Kindern mit Achtung und Wärme!

Sie stehen den als verhaltensgestört etikettierten Kindern vorurteilsfrei gegenüber, gehen freundlich, offen und auf ganz natürliche Weise auf sie zu. "Tiere akzeptieren den Menschen bedingungslos" (KUSZTRICH, 9) und unterscheiden nicht zwischen gut und böse; sie behandeln alle Menschen gleich (vgl. KUSZTRICH, 153) und passen sich ihrem Gegenüber an. Schulischer Erfolg, gutes Benehmen oder gepflegte Umgangsformen sind für Hunde keine Voraussetzung, ein Kind zu mögen. "Tiere kennen die zivilisatorischen Normungen des Verhaltens nicht." (OLBRICH a, 9)

Betrachten wir einmal einige Merkmale einer von Achtung und Wärme geprägten Haltung. Kindern Geltung schenken, sie willkommen heißen, freundlich und herzlich miteinander umgehen usw. sind dafür Kennzeichen. Auch noch so engagierten Pädagogen fällt es (verständlicherweise) schwer, diesen Ansprüchen bei massiv auffälligen Kindern gerecht zu werden. Hunde dagegen haben keine Probleme, Schulverweigerer immer wieder freundlich zu begrüßen oder von der Polizei aufgegriffene Kinder herzlich willkommen zu heißen!...

II. Der Hund verhält sich fühlend und verstehend!

Alles, was Kinder erzählen wollen und können, ist für sie wichtig. Nehmen Erwachsene dies nicht ernst, weil sie keine Zeit haben, beruflich eingespannt sind oder sie es für unwichtig halten, dann fühlen sich Kinder wenig verstanden, ärgern sich und reagieren affektiv (vgl. BERGLER 1994, 45). Einem Hund können Kinder alles erzählen (87%), er hört ihnen immer zu (81%) und sie fühlen sich von ihm verstanden (70%), akzeptiert und brauchen darüber hinaus keine Angst vor negativen Reaktionen zu haben. Tiere können zwar nicht sprechen, aber sie können sehr gut zuhören und auch verstehen (vgl. KUSZTRICH, 8).

Darüber hinaus erfahren die Kinder das Gefühl, einen Vertrauten, einen Freund zu haben, der sie nicht für ihr Verhalten sanktioniert oder verurteilt, sondern ihnen bedingungslos zur Seite steht. Gerade verhaltensauffälligen Kindern fehlt dieses Gefühl, welches aber durch den Umgang mit Hunden kompensiert werden kann.

III. Das Verhalten von Hunden ist echt!

Der Hund ist immer eindeutig und nicht zwiespältig. Die Freude des Hundes über seinen Herrn ist nicht gespielt, niemals eine Täuschung. Tiere haben keine Hintergedanken. 70% der Kinder sagen sogar, dass der Hund nicht so böse ist wie ein Mensch. Außerdem geben Tiere eindeutig zu erkennen, wo ihre Grenzen liegen (vgl. KöRNER, 202f).

Hunde verhalten sich immer so, wie es ihrem momentanen Empfinden entspricht. Sie zeigen ihre Gefühle, Freude oder Angst unmittelbar und eindeutig (vgl. OLBRICH b, 3). Es gibt keine Diskrepanz zwischen Wort und Tat, wie es häufig bei Erwachsenen der Fall ist. Die Kinder verstehen durch die Authentizität der Hunde, dass bestimmte Verhaltensweisen oder Situationen (z.B. Schreien/Krach) beim Hund zu bestimmten Reaktionen (Angst) führen.

Dies sensibilisiert sie für ihr eigenes Verhalten und erzieht sie zu bewusstem, verantwortungsvollem und vorausschauendem Agieren, da die Auswirkungen ihres Verhaltens auf den Hund von ihm unmittelbar durch seine Reaktionen gespiegelt werden (Schreien führt zur Abkehr, Locken führt zu Nähe). So wird das Kind durch den Hund automatisch und spontan in seinem Verhalten verstärkt (vgl. BERGLER 1986, 67).

Schließlich führt das echte und authentische Verhalten des Hundes dazu, dass das Kind seine Verantwortung für sein Verhalten erkennt. Durch die Zuneigung und das Interesse am Hund ist das Kind gewillt, sich im Umgang mit ihm Mühe zu geben. Diese Mühe wird wiederum vom Hund umgehend durch entsprechendes Verhalten belohnt.


VI. Der Hund verkörpert förderndes und nicht-dirigierendes Verhalten!

Kennzeichen des fördernden und nicht-dirigierenden Verhaltens ist, dass Achtung, Wärme, Empathie und Echtheit gleichzeitig verwirklicht werden. Hunde personifizieren dieses Verhalten.

Ein Hund ist immer für ein Kind verfügbar (er geht nicht zur Arbeit), macht ihm durch sein Verhalten (z.B. Ball bringen) Angebote, gibt dem Kind durch seine Reaktionen unmittelbare Rückmeldung, verschafft ihm Gelegenheit, zahlreiche gemeinsame Aktivitäten auszuüben und ermöglicht dem Kind immer wieder, mit ihm gemeinsam gefühlsmäßig bereichernde Erlebnisse zu machen.

Die Lebensqualität verhaltensauffälliger Kinder ist aufgrund der bestehenden psychischen Konflikte (durch die personale und soziale Insuffizienz) stark eingeschränkt. Eine Umfrage macht deutlich, dass die attraktive Vielfalt von Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten (Spielen, Streicheln, Unterhalten etc.) mit Hunden ein Optimum an kindlicher Lebensqualität vermittelt (vgl. BERGLER 1994, 37). Darin liegt eine große Chance für diese Kinder.

Abschließend kann man festhalten: Hunde sind sehr gute Erzieher, da es ihnen durch ihre Natur leichter fällt, sich so zu verhalten, wie es sich Eltern, Erzieher oder Therapeuten von sich und anderen oft nur wünschen können. Warum sollte man diese "tierischen" Fähigkeiten nicht pädagogisch sinnvoll nutzen?“

(Canepädagogik - Hilfe zur Erziehung mit dem und durch den Hund ISBN 978-3-8442-0708-8)